MII IG Kerndatensatz-Modul Seltene Erkrankungen
2027.0.0-ballot -
Germany
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Im Neugeborenenscreening wird eine Seltene Erkrankung am häufigsten zuerst gefunden. Es ist in Deutschland das einzige bevölkerungsweite Programm, das seltene Erkrankungen systematisch vor dem Auftreten von Symptomen erkennt — und damit ein natürlicher Ausgangspunkt für die Patientenverläufe, die dieses Modul beschreibt.
Was diese Seite ist und was nicht. Dieses Modul spezifiziert das Neugeborenenscreening nicht. Die Modulbeschreibung nennt ein eigenes KDS-Modul Neugeborenenscreening als perspektivisch sinnvoll; diese Seite ist Vorarbeit dafür: eine Terminologie-Handreichung, die festhält, welche Codes existieren, welche nicht, und wie ein Screeningbefund abgebildet würde, wenn ein Projekt ihn heute braucht. Nichts hier ist für dieses Modul normativ, und kein Profil dieses Moduls setzt es voraus.
Die G-BA Kinder-Richtlinie (Fassung vom 15.05.2025, in Kraft seit 01.01.2026) nennt in § 17 Absatz 1 20 Zielkrankheiten. Das Screening auf Mukoviszidose ist ein rechtlich eigenständiges Programm nach 23 ff. und unten separat aufgeführt. Seit Mai 2026 gehören Vitamin-B12-Mangel, Homocystinurie, Propionazidämie und Methylmalonazidurie dazu — vier Ergänzungen, die ältere Übersichten „des deutschen Neugeborenenscreenings" nicht enthalten.
Jede Zielkrankheit wird über einen Leitanalyten erkannt. Die Zuordnung ist in beide Richtungen nicht 1:1: Propionylcarnitin (C3) ist der Leitanalyt für drei Zielkrankheiten zugleich, während die eine Zielkrankheit „Carnitinzyklusdefekte" drei Analyte braucht. Deshalb enthält das zugehörige ValueSet 21 Codes und nicht 21 Krankheiten.
| # | Erkrankung | Leitanalyt | LOINC | ORPHA | ICD-10-GM |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Hypothyreose | TSH | 29575-8 |
442 | E03.1 |
| 2 | Adrenogenitales Syndrom (AGS) | 17-OH-Progesteron | 38473-5 |
418 | E25.0 |
| 3 | Biotinidasemangel | Biotinidase-Aktivität | 75217-0 |
79241 | E53.8 |
| 4 | Galaktosämie | Galaktose gesamt | 54084-9 |
79239 | E74.2 |
| 5 | Phenylketonurie / Hyperphenylalaninämie | Phenylalanin | 29573-3 |
716 | E70.0 / E70.1 |
| 6 | Ahornsirupkrankheit (MSUD) | Leucin | 47679-6 |
511 | E71.0 |
| 7 | MCAD-Mangel | Octanoylcarnitin (C8) | 53175-6 |
42 | E71.3 |
| 8 | LCHAD-Mangel | C16-OH | 50125-4 |
5 | E71.3 |
| 9 | VLCAD-Mangel | C14:1 | 53191-3 |
26793 | E71.3 |
| 10a | Carnitinzyklusdefekte — CPT-I | freies Carnitin (C0) | 38481-8 |
156 | E71.3 |
| 10b | Carnitinzyklusdefekte — CPT-II | Palmitoylcarnitin (C16) | 53199-6 |
157 | E71.3 |
| 10c | Carnitinzyklusdefekte — CACT | C0/(C16+C18) | 53235-8 |
159 | E71.3 |
| 11 | Glutarazidurie Typ I | Glutarylcarnitin (C5-DC) | 45207-8 |
25 | E72.3 |
| 12 | Isovalerianazidämie | Isovalerylcarnitin (C5) | 42920-9 |
33 | E71.1 |
| 13 | Tyrosinämie Typ I | Succinylaceton | 53231-7 |
882 | E70.2 |
| 14 | Schwere kombinierte Immundefekte (SCID) | TREC | 62320-7 |
183660 | D81.0 / D81.1 / D81.2 |
| 15 | Sichelzellkrankheit | Hämoglobinopathie-Screening-Panel | 54081-5 |
232 | D57.0 / D57.1 |
| 16 | Spinale Muskelatrophie (5q) | SMN1 (PCR) | 92002-5 |
70 | G12.0 / G12.1 |
| 17 | Vitamin-B12-Mangel | Propionylcarnitin (C3) | 53160-8 |
— siehe Grenzen | E53.8 / D51.9 |
| 18 | Homocystinurie | Methionin | 47700-0 |
394 | E72.1 |
| 19 | Propionazidämie | Propionylcarnitin (C3) | 53160-8 |
35 | E71.1 |
| 20 | Methylmalonazidurie | Propionylcarnitin (C3) | 53160-8 |
27 | E71.1 |
| § 23 | Mukoviszidose (eigenständiges Programm) | IRT | 48633-2 |
586 | E84.0 / E84.9 |
ICD-10-GM ist gröber als das Programm: E71.3 umfasst MCAD, LCHAD, VLCAD und alle drei Carnitinzyklusdefekte, E71.1 fasst Isovalerianazidämie, Propionazidämie und Methylmalonazidurie zusammen. Nur ORPHA trennt sie — genau das Argument, das dieses Modul durchgängig für die ORPHAcode-Kodierung macht.
Sechs ValueSets gehören zu diesem Modul. Fünf davon sind aus der LOINC-SNOMED-Ontologie generiert, eines ist aus der Richtlinie kuratiert. Der Unterschied ist wichtig für alle, die ihnen vertrauen oder sie erweitern wollen.
| ValueSet | Codes | Wie bestimmt |
|---|---|---|
| NBS-Leitanalyten | 21 | kuratiert: § 17 Abs. 1 und 23 ff. der Richtlinie |
| Acylcarnitine in Trockenblut | 78 | ECL über die Ontologie |
| Aminosäuren in Trockenblut | 96 | ECL über die Ontologie |
| Enzymaktivitäten in Trockenblut | 34 | ECL über die Ontologie |
| Quotienten in Trockenblut | 47 | ECL über die Ontologie |
| Hämoglobin-Fraktionen in Trockenblut | 9 | ECL über die Ontologie |
| Alle Trockenblut-Analyte | 608 | intensional über die LOINC-Eigenschaft SYSTEM |
Die fünf generierten gehen von einem Ausdruck aus, der „alles, was in Trockenblut gemessen wird" beschreibt:
< 363787002 |Observable entity| :
704327008 |Direct site| = 440500007 |Dried blood spot specimen|
Die LOINC-SNOMED-Edition beantwortet ihn mit 335 Konzepten. Jedes ValueSet grenzt diese Menge dann
entlang einer Achse der Ontologie ein — über die Komponente (<< 102651000 |Acylcarnitine|,
<< 52518006 |Amino acid|, << 38082009 |Hemoglobin|) oder über die Property
(118524006 |Catalytic concentration|, 118563004 |Substance ratio|). Die Zugehörigkeit ist damit
eine Tatsache der Ontologie und keine redaktionelle Entscheidung;
scripts/generate-nbs-valuesets.py --check leitet die Dateien neu ab und schlägt fehl, wenn sie
abgedriftet sind.
Warum die ValueSets LOINC-Codes enthalten, obwohl die Abfrage gegen SNOMED läuft. Jedes
LOINC-SNOMED-Konzept trägt seinen LOINC-Code als alternateIdentifier. Die Ontologie wählt also
die Konzepte aus, LOINC liefert die Codes. Diese Indirektion ist beabsichtigt: tx.fhir.org — der
Terminologieserver, gegen den dieser IG baut und validiert — kennt die LOINC-SNOMED-Edition nicht,
ein intensionales ECL-ValueSet ließe sich dort gar nicht expandieren. Alle 264 Codes wurden vor dem
Schreiben einzeln per CodeSystem/$lookup bestätigt.
Die generierten ValueSets beschreiben, was in Trockenblut messbar ist, nicht was das deutsche Programm misst. Sie enthalten deshalb auch Analyte, die nicht dazugehören — die lysosomalen Enzyme international gescreenter Erkrankungen und einige Analyte für ganz andere Zwecke. Wer das deutsche Programm meint, nutzt das kuratierte Leitanalyten-ValueSet.
Und sie sind gegenüber LOINC nicht vollständig — Gliederung kostet Abdeckung. Die
LOINC-SNOMED-Edition bildet nur den nach SNOMED gemappten Teil von LOINC ab: 335 Konzepte gegenüber
608 LOINC-Codes, deren SYSTEM Trockenblut ist. Rund 45 % der LOINC-Codes fehlen damit in der
Ontologie, und die fehlenden sind keine Exoten — 50086-8 (C5-OH, Leitmetabolit des
3-MCC-Mangels) und 53166-5 (C4) gehören dazu, ebenso die meisten daraus gebildeten
diagnostischen Quotienten. Je Gruppe gemessen: die Acylcarnitine decken etwa die Hälfte der
LOINC-Trockenblut-Acylcarnitine ab, die Hämoglobin-Fraktionen etwa ein Drittel.
Deshalb gibt es ein sechstes ValueSet. Alle Trockenblut-Analyte
bindet intensional an die LOINC-eigene Eigenschaft SYSTEM (LP21304-8) und ist damit per
Konstruktion vollständig und alterungsfrei — ein neuer Trockenblut-Code von LOINC ist enthalten,
ohne dass jemand eine Datei anfasst. Was es nicht bietet, ist die klinische Gliederung: Analyte,
Quotienten, Panels, Interpretationscodes und fachfremde Analytik (Medikamentenspiegel, Serologie,
PSA) stehen nebeneinander. Für eine klinisch abgegrenzte Liste die gruppierten Sets, für
Abdeckung das vollständige.
Ein Einzelwert ist eine Observation. Der LOINC-Analytcode trägt Material (Trockenblut) und
Property bereits in sich; der Code allein beantwortet also „was wurde worin und als welche Art von
Größe gemessen":
code — der Analytcode aus der Tabelle obenvalue[x] — valueQuantity in µmol/L (UCUM umol/L) bei den [Moles/volume]-Codes; eine
einheitenlose valueQuantity (UCUM 1) bei Quotienten; ein valueCodeableConcept bei
[Presence]-Codesinterpretation — im Screening-Kontext sind die LOINC-LA-Antwortcodes präziser als die
generischen HL7-Interpretationscodes: LA18592-8 In range, LA18593-6 Out of rangecategory — laboratoryspecimen — ein Specimen vom Typ SNOMED 440500007 Dried blood spot specimenEin vollständiger Befund staffelt sich über drei Ebenen: das Report-Panel 57128-1, eine
Gesamtinterpretation 57130-7 (beantwortet mit Codes wie LA12428-1 All screening is in range
for the conditions tested oder LA18944-1 Screen is out of range for at least one condition) und
krankheitsbezogene Interpretationen, die zwischen Panel und Einzelanalyten sitzen.
57128-1 Newborn Screening Report summary panel
├─ hasMember → 57130-7 Gesamtinterpretation → LA12428-1 / LA18944-1 …
├─ hasMember → 46752-2 MCAD/GA-2-Interpretation → LA18592-8 / LA18593-6
│ └─ derivedFrom → 53175-6 C8 (valueQuantity µmol/L)
│ └─ derivedFrom → 53177-2 C8/C10 (valueQuantity 1)
└─ hasMember → 46762-1 Hypothyreose-Interpretation → LA18592-8 …
└─ derivedFrom → 29575-8 TSH (valueQuantity)
Führt ein Screeningbefund zu einer Diagnose, gehört diese in die Profile dieses Moduls: Ein
Screening-Verdacht ist eine
klinische Diagnose mit
verificationStatus = unconfirmed, seine genetische Bestätigung eine
genetische Diagnose. Das
SMA-Fallbeispiel geht genau diesen Weg, vom positiven
Neugeborenenscreening bis zur molekulargenetischen Bestätigung.
Die Tabelle führt die Codes auf, nach denen dieses Modul gesucht und die es nicht gefunden hat. Jeder Eintrag ist unmittelbar gegen LOINC geprüft und nicht erschlossen — „fehlt" heißt also gesucht und nicht vorhanden, nicht bloß uns unbekannt.
Warum das zählt: Wo ein Code fehlt, braucht eine Implementierung trotzdem einen und vergibt ihn lokal. Die Lücken hier zu benennen sorgt dafür, dass dieselbe Lücke an allen Standorten dieselbe Behelfslösung bekommt statt an jedem einen eigenen privaten Code.
| Fehlt | Kontext | Was es stattdessen gibt |
|---|---|---|
| 3-OH-Propionsäure in Trockenblut | Second-Tier-Parameter der Zielkrankheiten 17–20 | nur Plasma (47536-8), Urin (29625-1), Liquor, Fruchtwasser — kein DBS-Code |
| PAP (Pankreatitis-assoziiertes Protein) | zweite Stufe des CF-Programms | überhaupt kein LOINC-Code, in keinem Material |
| Interpretationscode Vitamin-B12-Mangel | Zielkrankheit 17 | keiner unter den NBS-Interpretationscodes. Der nächstliegende, 46747-2 Propionic/Methylmalonic Acidemias, ist selbst DISCOURAGED; der aktive Rückfall ist der Gruppencode 46744-9 Organic acidemias, der noch breiter ist |
| SMN1-Deletionsnachweis in Trockenblut | Zielkrankheit 16, wo die Richtlinie die homozygote SMN1-Deletion fordert | nur 92002-5, ein Ct-Wert — kein Deletionsbefund |
| Acylcarnitin-/Aminosäure-Panel für Trockenblut | Sammelcode für das MS/MS-Profil | Panel-Codes gibt es nur für Serum, Plasma und Urin; für Trockenblut nur Einzelanalyt-Codes |
| ORPHA für „Vitamin-B12-Mangel" | Zielkrankheit 17 | kein Code trifft den breiten Begriff der Richtlinie, der auch den erworbenen (maternal bedingten) Mangel umfasst |
LOINC hat die meisten krankheitsspezifischen Interpretationscodes zurückgezogen. Ein zweiter
Prüfdurchgang über den gesamten Codebestand fand 18 DISCOURAGED-Codes; für acht davon gibt es
keinen aktiven krankheitsspezifischen Nachfolger, sondern nur Gruppencodes wie 46736-5 Fatty acid
oxidation defects, 46744-9 Organic acidemias und 46733-2 Amino acidemias. Betroffen sind
LCHAD, VLCAD, CPT2/CACT, Glutarazidurie I, Propion- und Methylmalonazidämie, Homocystinurie und
Tyrosinämie. Wer die einzelne Zielkrankheit weiter benennen will, muss die Spezifität anderswo
tragen — über den Gruppencode in Observation.code plus einen Bezug zur Condition oder über
die zugrunde liegenden Analyt-Observations. Zwei Codes, die sich als Nachfolger anbieten würden,
46766-2 und 46767-0, sind selbst DISCOURAGED.
Derselbe Durchgang zeigte, dass sich das Sichelzell-Screening nicht nur im Code, sondern im
Abbildungsmuster geändert hat: Die drei methodenspezifischen „Hemoglobin pattern"-Codes (54104-5,
54103-7, 54105-2) sind alle DISCOURAGED. LOINC modelliert den Befund jetzt als Rangfolge der
tatsächlich nachgewiesenen Hämoglobine (64117-5 Most predominant hemoglobin in DBS und
Geschwistercodes) plus einen Verdachtscode (71592-0). Die Tabelle oben nutzt den
Screening-Panel-Code 54081-5; wer den Befund selbst braucht und nicht die Tatsache, dass
gescreent wurde, nimmt 64117-5.
Einen Code hat der Build gefunden, nicht die Recherche. 54104-5 Hemoglobin pattern in DBS by
HPLC löst einwandfrei auf und wirkt wie der offensichtliche Leitanalyt der Sichelzellkrankheit —
LOINC führt ihn aber mit dem Status DISCOURAGED, was der IG-Publisher meldete, nachdem das
ValueSet schon existierte. Ersetzt durch den Panel-Code 54081-5 (ACTIVE); der spezifische Befund
der Sichelzellkrankheit ist die HbS-Fraktion 56476-5, die im generierten Hämoglobin-ValueSet
enthalten ist. Der Generator liest jetzt die LOINC-Eigenschaft STATUS mit, damit ein
discouraged oder deprecated Code gemeldet statt stillschweigend publiziert wird.
Eine methodische Einschränkung: Die Anzeigetexte stammen von tx.fhir.org, das die
LOINC-Eigenschaft LONG_COMMON_NAME nicht als eigene Property ausliefert. Es sind die
display-Werte des Servers — die, gegen die ein FHIR-Coding.display validiert wird — und wurden
nicht zusätzlich gegen die offizielle LOINC-Release-Datei abgeglichen.
MAIN/SNOMEDCT-LOINC, Version 2026-03-21