MII IG Kerndatensatz-Modul Seltene Erkrankungen
2027.0.0-ballot - Germany

This page is part of the MII Implementation Guide Seltene Erkrankungen (v2027.0.0-ballot: 2027 Ballot 1) based on FHIR (HL7® FHIR® Standard) R4. This is the current published version in its permanent home (it will always be available at this URL). For a full list of available versions, see the Directory of published versions

Klinische vs. genetische Diagnose

Leitfaden: Klinische vs. Genetische Diagnose bei Seltenen Erkrankungen

Übersicht

In der Modellierung seltener Erkrankungen unterscheiden wir zwischen zwei Arten der Diagnosestellung:

  1. Klinische Diagnose (MII_PR_Seltene_ClinicalDiagnosis) - Basierend auf phänotypischen Merkmalen
  2. Genetische Diagnose (MII_PR_Seltene_GeneticDiagnosis) - Molekulargenetisch bestätigt

Diese Unterscheidung ist wichtig, da viele seltene Erkrankungen zunächst klinisch vermutet und später genetisch bestätigt werden.

Klinische Diagnose

Verwendung

Die klinische Diagnose wird verwendet, wenn:

  • Die Diagnose auf klinischen Befunden und Symptomen basiert
  • Eine genetische Testung noch aussteht oder nicht verfügbar ist
  • Die Diagnose phänotypisch gestellt wird (z.B. bei charakteristischen Syndromen)

Besonderheiten

  • HPO-Codes: Zusätzlicher Slice code.coding[hpo] (0..*), required gebunden an das ValueSet der HPO-Phänotypcodes
  • Phänotypische Evidenz: Evidence.detail verweist auf HPO-kodierte Symptom-Observations
  • Verifikationsstatus: Vom Profil nicht eingeschränkt (0..1, geerbte required- Bindung an condition-ver-status); empfohlen "provisional" oder "differential", solange die genetische Bestätigung aussteht
  • Kategorie: category ist Pflicht (1..), der Wert bleibt frei — üblich sind problem-list-item oder encounter-diagnosis. Warum die genetische Diagnose das anders handhabt, steht weiter unten unter *Warum die Kategorie sich unterscheidet.

Strukturvergleich

Klinische gegen genetische Diagnose — struktureller Vergleich

Die ausformulierten Instanzen stehen als Beispiele bei den Profilen selbst; hier geht es um den Unterschied, nicht um die Syntax.

Genetische Diagnose

Verwendung

Die genetische Diagnose wird verwendet, wenn:

  • Die Diagnose durch molekulargenetische Untersuchung bestätigt wurde
  • Pathogene Varianten identifiziert wurden
  • Eine eindeutige genetische Ursache nachgewiesen ist

Besonderheiten

  • OMIM-Codes: Zusätzlicher Slice für Online Mendelian Inheritance in Man Codes
  • Genetische Evidenz: evidence ist Pflicht (1..), evidence.detail (1..) verweist auf Observation oder DiagnosticReport. Das Profil schreibt die Zielprofile nicht vor; empfohlen sind die MolGen-Ressourcen:
    • MII_PR_MolGen_Variante für einzelne Varianten
    • MII_PR_MolGen_DiagnostischeImplikation für umfassende genetische Berichte
  • Genetische Evidenz-Kennzeichnung: evidence.code.coding[geneticEvidence] trägt 106221001 | Genetic finding |
  • Verifikationsstatus: Vom Profil nicht eingeschränkt; empfohlen "confirmed"
  • Genetische Zusatzinformation: Extension penetrance
  • Kategorie: PFLICHT: 782964007 | Genetic disease | zur eindeutigen Kennzeichnung

Warum die Kategorie sich unterscheidet

Die beiden Profile behandeln category ungleich, und das ist erklärungsbedürftig:

  category
Klinische Diagnose Pflicht, Wert frei
Genetische Diagnose Pflicht, fester Wert 782964007 \| Genetic disease \|

Condition.category beantwortet in FHIR die Frage nach der Rolle der Condition im Datensatz — der Kurztext des Elements lautet wörtlich problem-list-item | encounter-diagnosis. Die Art der Erkrankung gehört dagegen in Condition.code.

Die klinische Diagnose folgt dem: Sie verlangt eine Kategorie, schreibt aber keinen Wert vor. Die genetische Diagnose setzt zusätzlich einen festen Code — bewusst, und zwar aus zwei Gründen.

Es ist zulässig. Condition.category ist 0..* und extensible an condition-category gebunden. Eine extensible Bindung erlaubt ausdrücklich Codes außerhalb des ValueSets, wenn keiner der enthaltenen passt; die FHIR-Spezifikation merkt am Element selbst an, die Kategorisierung sei „often highly contextual".

Es ist nötig. Ob eine Erkrankung genetisch gesichert ist, steht nicht in Condition.code — dort steht die Erkrankung selbst — und lässt sich daraus auch nicht herleiten, weil dieselbe Erkrankung klinisch oder genetisch gesichert sein kann. Genau diese Unterscheidung trägt das Modul in zwei getrennten Profilen; category macht sie für eine registerübergreifende Suche auswertbar.

Abzugrenzen vom zurückgezogenen ValueSet mii-vs-seltene-clinical-diagnosis-category: Das band category modulweit an Krankheitsarten anstelle der Rolle und beantwortete damit die falsche Frage. Hier geht es um ein einzelnes, begründetes Zusatzmerkmal.

Offener Punkt für die Ballotierung. patternCodeableConcept auf einem wiederholbaren Element verlangt, dass jede Wiederholung dem Muster entspricht. Eine zweite Kategorie — etwa encounter-diagnosis für die Rolle im Datensatz — ist damit derzeit unzulässig, und alle Beispiele führen folgerichtig nur diesen einen Wert. Sauberer wäre ein offener Slice, der 782964007 verlangt und weitere Kategorien zulässt. Das ändert die publizierte Constraint-Form und steht deshalb zur Kommentierung.

Paralleles Diagnosemodell

Bei seltenen Erkrankungen existieren klinische und genetische Diagnosen parallel zueinander:

Paralleles Diagnosemodell

Das Diagramm zeigt die drei Stufen: Verdachtsdiagnose aus Screening oder Erstkontakt, klinische Diagnose nach phänotypischer Abklärung, genetische Diagnose nach molekulargenetischer Bestätigung.

Wichtig: Die genetische Diagnose ersetzt NICHT die klinische Diagnose. Beide existieren parallel und ergänzen sich gegenseitig.

Entscheidungsbaum

Entscheidungsbaum: welches Diagnoseprofil wann

Praktische Hinweise

Wann welches Profil verwenden?

Situation Profil Verifikationsstatus
Neugeborenenscreening positiv ClinicalDiagnosis unconfirmed
Klinisch eindeutiges Syndrom ClinicalDiagnosis provisional
Genetisch bestätigt GeneticDiagnosis confirmed
Klinisch + genetisch bestätigt Beide Profile parallel confirmed
Ausgeschlossene Diagnose Entsprechendes Profil refuted
Differentialdiagnose ClinicalDiagnosis differential

Verlinkung zwischen Diagnosen mittels ClinicalImpression

Die ClinicalImpression verbindet die verschiedenen Diagnosestadien:

  1. problem: Verweis auf die Verdachtsdiagnose (Grund der Untersuchung)
  2. finding: Verweise auf die bestätigten Diagnosen (klinisch UND genetisch)
  3. investigation: Verweise auf durchgeführte Untersuchungen

Beide Diagnosen bleiben als eigenständige Ressourcen erhalten und dokumentieren verschiedene Aspekte derselben Erkrankung.

Evidence-Verlinkung

Klinische Diagnose:

  • Evidence → Observation mit HPO-kodierten Symptomen
  • Evidence → DiagnosticReport mit klinischen Befunden
  • Evidence → ClinicalImpression mit klinischer Beurteilung

Genetische Diagnose:

  • Evidence → MolGen Variante (Observation)
  • Evidence → MolGen DiagnostischeImplikation (DiagnosticReport)
  • Evidence → MolGen Untersuchte Region (Observation)

Validierung

Checkliste Klinische Diagnose

  • category gesetzt — Pflicht (1..*)
  • HPO-Code in code.coding[hpo], sofern der Phänotyp bekannt ist (das Profil erzwingt ihn nicht, für seltene Erkrankungen ist er aber der eigentliche Gehalt)
  • evidence.detail mit Verweis auf phänotypische Observations
  • Angemessener verificationStatus

Checkliste Genetische Diagnose

  • category = 782964007 | Genetic disease | — Pflicht, fester Wert
  • Mindestens eine evidence mit evidence.detail — Pflicht (1..*)
  • OMIM-Code, wenn verfügbar
  • evidence.code.coding[geneticEvidence] = 106221001 | Genetic finding |
  • verificationStatus = confirmed bei bestätigter Diagnose

Ausgeschlossene Diagnosen

Wichtiger Hinweis

Ausgeschlossene Diagnosen (refuted) MÜSSEN ebenfalls dokumentiert werden!

Bei seltenen Erkrankungen ist die Dokumentation ausgeschlossener Diagnosen essentiell für:

  • Vermeidung redundanter Diagnostik
  • Dokumentation des diagnostischen Prozesses
  • Unterstützung bei Differentialdiagnosen
  • Forschung und Registerdaten

Modellierung ausgeschlossener Diagnosen

Ausgeschlossene Diagnosen nutzen dasselbe Profil wie bestätigte; unterschieden wird allein über den Status:

Feld Klinisch ausgeschlossen Genetisch ausgeschlossen
Profil MII_PR_Seltene_ClinicalDiagnosis MII_PR_Seltene_GeneticDiagnosis
verificationStatus refuted refuted
clinicalStatus inactive inactive
Begründung note.text note.text
Evidenz negativer phänotypischer Befund negativer molekulargenetischer Befund

Best Practices für ausgeschlossene Diagnosen

  1. Immer dokumentieren wenn:
    • Eine Verdachtsdiagnose widerlegt wurde
    • Genetische Tests negativ sind
    • Differentialdiagnosen ausgeschlossen werden
  2. Pflichtangaben:
    • verificationStatus = refuted
    • clinicalStatus = inactive
    • Begründung in note.text
    • Evidence wenn vorhanden
  3. Zeitliche Dokumentation:
    • recordedDate: Wann wurde ausgeschlossen
    • abatementDateTime: Zeitpunkt des Ausschlusses

Beispiele

Vollständige Beispiele finden sich in: